Der nächste Morgen ist vielversprechend, denn das Wetter ist viel besser geworden. Auf dem Weg von Skaidi nach Olderfjord kommt sogar die Sonne zum Vorschein. Laut Straßenbericht ist die Europastraße 69 immer noch gesperrt. Davon kann ich mich einige Kilometer weiter auch selbst überzeugen. 

Während man im Sommer die offenen Schranken und deren Hinweisschilder unbeachtet passiert, muss man im Winter schon sehr aufpassen, damit man nicht überraschend in eine geschlossenen Schranke fährt. 

Der Fahrer eines Schneepfluges teilt uns mit, dass die Räumung der Straße noch etwa 5-6 Stunden in Anspruch nehmen wird. Für die beiden Testfahrer von Mercedes ist diese Pause zu lang. Sie wollten mit dem Testwagen als Wochenendausflug vom schwedischen Luleå ans Nordkap. Aber jetzt fahren sie wieder davon.

Ich genieße derweil die Sonnenstrahlen und mache ein paar Fotos. Plötzlich öffnet sich die Schranke und zwei Schneepflüge brausen heran. Der eine wendet und die beiden Fahrer besprechen sich, dann kommt ein Fahrer zu mir: „English?, yes. – Ok, Twelve fifty we come back, you stay here. You understand? Twelve fifty we come back. Than we start the Konvoi, OK? – Yes, that’s great I am waiting sure“. Und schon brausen beide Schneeflüge durch die geöffnete Schranke davon. Es geht also schon in anderthalb Stunden weiter.

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In der Zwischenzeit treffen weitere Fahrzeuge ein, die sich in einer Reihe vor der geschlossenen Schranke aufstellen. Ich könnte ganz vorne stehen, reihe mich aber wegen besserer Fotomotive in der Mitte ein.  Als der Schneepflug wieder zu uns zurückkehrt, hat starker Schneefall eingesetzt. Dann beginnt meine erste Kolonnenfahrt. Vorne weg der Schneepflug, dahinter die Fahrzeuge der Kolonne und ganz am Ende ein weiteres Sicherungsfahrzeug mit Blinklichtern.

Wir fahren 50-60 km/h, wobei das Tempo häufig durch das erste Fahrzeug, einen Krankenwagen, bis auf 30 km/h gedrosselt wird. So passiert es, dass der Schneepflug manchmal einen Kilometer Vorsprung hat. Die Fahrt ist spannend aber auch anstrengend. Der Mietwagen aus Finnland vor mir hat kein Licht eingeschaltet und so ist er in den Schneeverwirbelungen oft nicht zu erkennen. Wenn er dann plötzlich dicht vor mir auftaucht, muss ich bremsen, was für die folgenden Fahrzeuge blöd ist.

Auf etwa halber Strecke treffen wir auf den Konvoi aus der Gegenrichtung. Dazu halten wir an und lassen den anderen Konvoi passieren. Diese Fahrzeugschlange ist viel länger als unsere, denn die kommen von der Nordkap Insel und haben schon zwei Tage auf diesen Konvoi gewartet. 

Einige Tunnelportale sind mit automatischen Toren verschlossen. Wenn sich ein Fahrzeug nähert, fährt das Tor nach oben und die Ampel springt auf grün. Danach schließt es sich wieder automatisch. Bei den Tunneldurchfahrten kann ich ein wenig verschnaufen, denn es gibt dort keine Schneeverwehungen. Er ist gut beleuchtet und es ist mit plus 7 Grad fast 20 Grad wärmer als draußen. Allerdings rumpelt es nach 5-6 km heftig denn das ist der Punkt, an dem sich im warmen Tunnel die Eisbrocken von den Fahrzeugen lösen und so völlig unerwartet für eine unebene Fahrbahn sorgen.

Kurz vor Honningsvåg bleibt der Schneeflug in Fahrbahnmitte stehen und die Kolonne kann rechts vorbeifahren.

Im Hafen von Honningsvåg treffe ich wieder auf mein Schiff, die MS Trollfjord. Deren Passagiere müssen auf ihren Ausflug zum Nordkap verzichten, denn die Straße zum Plateau ist immer noch gesperrt. Ich schaue mich nur kurz in Honningsvåg um und fahre dann weiter in Richtung Nordkap. An den Webcams der Straßenüberwachung halte ich für ein Foto kurz an. 

Der Abzweig zum Nordkap ist wie erwartet noch geschlossen. Also suche ich mir einen Übernachtungsplatz. Gerne würde ich den Parkplatz auf einem Fjell, nutzen aber vielleicht ist die Straße morgen wieder gesperrt und ich sitze dann fest. Vorhin bei der Kolonnenfahrt habe ich mehrere Fahrzeuge gesehen, die im Straßengraben lagen und mit Schnee zu geweht waren, – so soll es mir nicht ergehen.

Schließlich fahre ich zurück bis zu dem Parkplatz des im Winter geschlossenen Scanic Hotel. Von hier habe ich auch die erste Straßensperre im Blick und kann mich relativ ungefährdet einschneien lassen. In der Nacht parkt noch ein weiteres Fahrzeug neben mir, dessen beide Passagiere im Auto schlafen.

Die Nacht war ruhig und erwartungsgemäß bin ich am nächsten Morgen eingeschneit. Da die erste Kolonne zum Nordkap erst um 11:00 Uhr startet, habe ich genügend Zeit für ein gemütliches Frühstück mit Ei. Beim Frühstücken kann ich meinen Nachbarn beobachten, der trotz Schneeketten erhebliche Schwierigkeiten hat, den Parkplatz zu verlassen. Für den Fall der Fälle habe ich auch Schneeketten dabei und einen Klappspaten griffbereit. Zum Abschleppen ist auch die Anhängerkupplung bereits montiert. Außerdem habe ich vor der Reise zwei neue Nokian Winterreifen auf die Vorderräder montiert. So gerüstet hatte ich auf der gesamten Reise keinerlei Schwierigkeiten.

Weil bis zur Abfahrt des Konvois immer noch genügend Zeit ist, mache ich noch einen Abstecher nach Skarvåg.

Kurz vor 11:00 Uhr versammeln sich einige Fahrzeuge, die im Konvoi zum Nordkap fahren wollen der Schneepflug wartet bereits auf uns. Um 11:00 Uhr geht es ohne weitere Ankündigung los. Die Schranke öffnet sich der Schneepflug fährt los, gleich dahinter ein Reisebus und dann die Fahrzeuge unsere Kolonne. Meine Helden des Tages sind die beiden Reisenden auf dem Motorradgespann, die sich von Russland auf den Weg zum Nordkap gemacht haben. Die Fahrt zum Nordkap ist nicht anspruchsvoll, dafür gibt es wunderbare Ausblicke bei sonnigem Wetter.

Am Mauthäuschen für das Nordkapplateau kommt die Kolonne erstmals zum Stehen. Für jeden Insassen müssen umgerechnet 29 € als Eintritt bezahlt werden. Kurz darauf stehen die Fahrzeuge auf dem Parkplatz des Nordkap Plateaus.

Fast alle Reisenden stürmen sofort zu Weltkugel und starten die üblichen Rituale. Gruppenfoto, Einzelfotos, kleine Gruppe, alle hüpfend, Kussmundfotos, mit freiem Oberkörper, zwei nehmen einen dritten auf die Schultern, geballte Fäuste in den Himmel, mit dem Rücken zur Kamera, Fotos mit Fahnen und jede Menge Selfies. Gefühlt bewegen sich bestimmt alle Mietwagenfahrer in Roald Amunssons Fußstapfen.

Eigentlich hatte ich vor, mit dem Bus bis an die Weltkugel zu fahren, aber es liegt so viel Schnee, dass mir das Risiko zu groß ist.

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